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31. TERRA WORTMANN OPEN  15. - 23. Juni 2024

TICKET CENTER 05201 81 80
Montag bis Freitag 11 - 16 Uhr
(im Sportpark, Gausekampweg 2, Halle/Westf.)
 

30. TERRA WORTMANN OPEN (HalleWestfalen): Michael Stich im Interview: „Die Spieler haben nicht wirklich an ein ATP-Rasenturnier in Deutschland geglaubt“

HalleWestfalen. Michael Stich, Wimbledon-Champion 1991 und Sieger des Haller ATP-Events 1994 und spricht im Interview zum 30. Turnierjubiläum über die Anfänge der TERRA WORTMANN OPEN, die Erfolgsfaktoren des Turnierstandorts HalleWestfalen und die Situation des deutschen Tennis.

Michael Stich, welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Tennisturnier in Halle?
Michael Stich:
Da kommt so einiges zusammen. Natürlich war es ein Glücksmoment, 1994 als erster Deutscher das Turnier zu gewinnen. Und genau so schön war der Doppelerfolg 1997 mit Karsten Braasch. 1995 stand ich zudem noch einmal im Finale. Es waren schon tolle Jahre.

Damals gab es allerdings auch eine Art Fluch, der Sie nach starken Halle-Jahren nach Wimbledon verfolgte.
Stich: Tatsächlich schied ich in Wimbledon in den beiden Jahren 1994 und 1995 jeweils in der ersten Runde aus. Diese etwas kuriose Geschichte kann ich als Erinnerung nicht ganz wegdiskutieren. Damals hatte das Turnier allerdings auch noch einen ungünstigeren Termin im Kalender. Heute liegt Halle mitten drin in den drei Wochen zwischen den French Open und Wimbledon, das ist perfekt.

Wenn wir noch ein bisschen weiter in der Geschichte zurückgehen, zu den Plänen für ein erstes ATP-Rasenturnier in Deutschland: Wie haben Sie dieses Vorhaben betrachtet?
Stich: Es war eigentlich unfassbar. Die meisten in der Szene, einschließlich der Spieler, haben das für eine sehr kühne Idee gehalten. Und nicht wirklich daran geglaubt. Umso beeindruckender war dann, was die Familie Weber auf die Beine gestellt hat – in einer Privatinitiative, ohne das große Geld von außen. Das ist schon eine imponierende Erfolgsgeschichte, dass dieser Wettbewerb heute aus dem Kalender der Tennistour gar nicht mehr wegzudenken ist. Das Turnier ist eine gesetzte Größe. Der 30. Geburtstag jetzt ist ein wirklich stolzer Moment.

Die Skepsis vieler Tennisexperten galt damals auch der Nachhaltigkeit des ganzen Projektes.
Stich: Ich möchte fast sagen, dass man in Halle gegen diese Bedenken eine Vision in die Tat umgesetzt hat. Zum einen baute man auf die Strahlkraft der damals aktiven Wimbledonsieger und der Spieler, die ihnen in Deutschland nacheifern wollten. Zum anderen wurde auch eine ganz neue Präsentation von Tennis aufgezeigt, ganz nah an den Fans dran, mit Entertainment über den vollen Tag auf der Anlage. Halle hat damit auch bewiesen: Der Tennis-Standort Deutschland lebt von selbstständig operierenden Veranstaltern. Von Leuten, die den Mut haben voranzugehen. Die Risiken auf sich nehmen.

Der Erfolg von Halle machte ja auch den Weg frei für die Verlängerung der Rasensaison.
Stich: Die Diskussionen gab es schon länger. Sie führten allerdings nie zur Umsetzung aller möglichen Ideen. Erst als die Partnerschaft von Wimbledon etwa mit Halle durchschlagenden Erfolg hatte, öffnete sich ein Fenster für eigentlich überfällige Veränderungen. Es ist toll, dass wir heute deutlich mehr Rasenturniere haben als vor 20, 30 Jahren.

Aus der Sicht des ehemaligen Weltklassespielers und späteren Turnierdirektors: Was macht einen Wettbewerb, ganz generell, attraktiv und erfolgreich?
Stich:
Bleiben wir doch am besten bei Halle. Da war und ist natürlich das Konzept der kurzen Wege ein wesentlicher Faktor. Du fühlst dich ein bisschen wie in einem Resort, hast alles in Fußnähe. Der Centre Court einen Steinwurf weit entfernt vom Hotel, das ist einfach angenehm. Umso mehr, da du bei den beiden Grand Slams in Paris und London ganz andere Dinge gewohnt bist, Shuttlefahrten im Stau, langes Warten auf der Anlage auf die Matches, speziell bei Regenpausen. In Halle konntest du das alles im besten Fall auf deinem Hotelzimmer aussitzen.

Nach einem verregneten Auftaktjahr wurde in Halle ein bewegliches Centre Court-Dach installiert. Wie wichtig war das für die Profis selbst?
Stich: Es gibt allen Beteiligten eine große Sicherheit, dass auch bei schwierigen Wetterlagen gespielt werden kann. Ab einem gewissen Zeitpunkt, also dann, wenn nur noch auf dem Centre Court gespielt wird, weißt du dann eben: Das Turnier geht pünktlich zu Ende. Das ist schon ein großes Plus gewesen. Ich will aber nicht vergessen, die Menschen hinter all den Entscheidungen zu erwähnen: Den bis heute arbeitenden Turnierdirektor Ralf Weber, die Turnierinitiatoren Gerhard Weber und Udo Hardieck. Dazu die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Organisation. Sie haben auch immer eine besonders familiäre Atmosphäre geschaffen, in der man sich sehr wohl fühlte.

Welche Wünsche und Ansprüche stellt man als Spieler an ein Turnierengagement?
Stich: Es ist einfach so, dass man ein gutes Gefühl für seinen Start entwickeln möchte. Man will nicht zu einem Turnier fahren und das irgendwie als Pflicht empfinden. Wenn ich nach Halle kam, dann in der Gewissheit: Die ganze Atmosphäre stimmt für mich. Das volle Stadion, die Begeisterungsfähigkeit der Fans, die unkomplizierten Abläufe. Du fragst dich ja immer: Wo und wie kann ich meine beste Leistung abrufen? Im Fall von Halle haben das ganz, ganz viele positiv für sich beantwortet.

Das galt später an erster Stelle für einen gewissen Roger Federer.
Stich: Absolut. Man muss allerdings sagen, dass Halle ganz früh mit Roger Federer verbunden war. Er spielte nach meiner Erinnerung schon die damaligen Junior-Gerry Weber Open. Der Anspruch war ja ein richtiger, man wollte die Stars von morgen beim Turnier präsentieren. Man hat an Federer geglaubt, und er hat das auf nie für möglich gehaltene Weise zurückgezahlt. Als Rekordchampion und Turnierbotschafter.

Noch einmal zurück zu den ersten Turnierjahren. Mit der Frage, wie hat sich das Tennis seitdem verändert, vom Debüt der ATP in Halle 1993 bis heute?
Stich: Das auffälligste ist sicher die ganz andere Athletik. Früher liefen wir in möglichst bequemen, weiten Shirts herum. Heute sind alle mit möglichst engem Outfit ausgestattet, damit jeder den muskulösen Körper sehen kann. Alle sind fitter, keine Frage. Aber das Tennis ist eben auch eindimensionaler geworden, da würde man sich oft einfach mehr Kreativität wünschen.

Wie steht es ums deutsche Herrentennis? Auch in Halle sind die Zeiten vorüber, in denen man noch viele nationale Spieler direkt im Hauptfeld hatte?
Stich: Wir haben es in den letzten knapp zehn Jahren einfach nicht geschafft, Jugendspieler hervorzubringen, die wirklich dranbleiben an ihrer Karriere. Die Durchhaltewillen besitzen und eine klare Vorstellung von ihrem eigenen Entwicklungsprozess haben. Allerdings muss man auch sagen, dass der Übergang vom Junioren- zum Profitennis heute noch herausfordernder ist als zu unserer Zeit. Ich glaube, wir müssen einfach verschiedene Modelle zulassen – und finanziell ermöglichen, dass bestimmte Talente ihren Weg jenseits der Verbandsstrukturen finden, in einer der großen internationalen Akademien. Die jungen Leute müssen die Welt sehen können, um so ihren Horizont und ihre Möglichkeiten zu erweitern.

Inmitten der Fans: Bei der Champions Trophy 2017 stand Michael Stich nach dem Showmatch für Autogrammwünsche zur Verfügung. © TERRA WORTMANN OPEN
Michael Stich geann 1994 als erster Deutscher die TERRA WORTMANN OPEN. © TERRA WORTMANN OPEN