Wer in der Turnierwoche der TERRA WORTMANN OPEN die Fans nach möglichen Tipps für den Turniersieger fragt, hört am häufigsten den Namen Alexander Zverev und schon deutlich seltener die von Ben Shelton oder Taylor Fritz. Félix Auger-Aliassime hingegen fliegt noch unter dem Radar der Zuschauer – dabei ist der Kanadier an Nummer zwei gesetzt und steht in der Weltrangliste auf Platz vier.
Fokussiert und besonnen beantwortet Auger-Aliassime die Fragen der Journalisten in der Mixed-Zone der heristo-arena. Er findet lobende Worte für den unterlegenen Gegner Learner Tien, gegen den er zum ersten Mal angetreten ist. Es war das schwierige Spiel, das ich erwartet habe. Mein Gegner hat mir viele Probleme bereitet“, gibt der 25-Jährige ehrlich zu.
Ebenso respektvoll und fokussiert ist der in Montréal geborene Profi zuvor auch auf dem Tennisplatz aufgetreten. „Ich musste gut aufschlagen und gut returnieren. Das war wahrscheinlich der wichtigste Faktor heute“, sagt Auger-Aliassime, Spitzname FAA, der mit einem außergewöhnlich flüssigen Bewegungsablauf gesegnet ist.
Seine Worte wirken mit Bedacht gewählt, einen kühlen Kopf hat er auch bei seinen größten Erfolgen behalten. Félix Auger-Aliassime beendete in Halle 2021 mit seinem Dreisatz-Sieg in der zweiten Runde die Ära von Roger Federer und war wenige Monate später der erste Kanadier, der bei den US Open im Halbfinale stand. Inzwischen ist er der erste Spieler seiner Nation, der bei allen vier Grand-Slam Turnieren ein Viertelfinale erreicht hat.
2022, im Jahr seines Durchbruchs, gelangen ihm 60 Siege, darunter eine Serie von 16 ungeschlagenen Spielen mit drei Turniersiegen in Florenz, Antwerpen und Basel direkt hintereinander. Auch wenn die Zahl der gewonnen Turniere inzwischen auf neun gestiegen ist, lief in der Karriere des 25-Jährigen nicht immer alles glatt. Während es auf der ATP Tour 2022 überragend lief, stellten sich bei den Majors zeitweise keine Erfolge ein. 2022 und 2023 verlor er bei vier von acht Grand-Slam Turnieren die erste Runde und wirkte plötzlich eindimensional. Nach überstandenen Knie- und Rückenverletzungen ging es, auch wegen des neuen Fitnesstrainers, aber wieder bergauf und das Selbstvertrauen kehrte zurück.
Jetzt steht Auger-Aliassime als Nummer vier im ATP-Ranking so gut wie nie. 2025 gewann er Titel in Adelaide, Montpellier und Brüssel und erreichte das Halbfinale der US Open. Auf dem Weg ins Halbfinale der ATP-Finals in Turin schlug er sowohl Zverev als auch Shelton. Auch privat endete das Jahr für den Kanadier spektakulär, als er seiner Partnerin, der Reiterin Nina Ghaibi, im luxuriösen Selman Marrakech Hotel das Jawort gab – inmitten von Palmen, prachtvollen Blumenbögen und beeindruckender marokkanischer Architektur.
Dass FAA bei seinen spielerischen Ausführungen so korrekt, vielleicht schon etwas überkorrekt wirkt, hat vielleicht auch etwas mit seiner größten Leidenschaft neben dem Tennisplatz zu tun. Denn in seiner Freizeit spielt der Kanadier, seitdem er sieben Jahre alt ist, am liebsten Klavier. Bei der Spielerparty des ATP Masters 1000 in Monte Carlo etwa setzte er sich im Jahr 2019 an den Flügel und zelebrierte sein Hobby, bei dem man zunächst mit höchster Präzision die Töne treffen muss, um die Musik anschließend mit einer gewissen Raffinesse zu veredeln.
Auf eine gewisse Portion Spielwitz und Raffinesse wird Auger-Aliassime neben seinem grundsoliden Aufschlagsspiel auch in Halle angewiesen sein, wenn er am Freitag im Viertelfinale gegen Frances Tiafoe gewinnen will.
„Sein Aufschlag wird sicherlich der entscheidende Faktor sein“, glaubt Auger Aliassime. Er weiß über Tiafoe, dass dieser auf Rasen einige seiner besten Ergebnisse erzielt und Titel gewonnen hat: „Er war schon sehr nah dran, große Matches zu gewinnen. Er gehört auf diesem Belag definitiv zu den Favoriten. Ich muss selbst sehr gut aufschlagen und Wege finden, ihn unter Druck zu setzen. Es wird auf jeden Fall eine große Herausforderung.“
Neben seiner tennisbegeisterten Familie (Vater Sam ist Tennistrainer, Schwester Malika spielt ebenfalls Tennis) würde ein Erfolg in Halle auch wieder viele Kinder in Togo freuen. Denn dem Heimatland seines Vaters ist auch Félix Auger-Aliassime weiterhin verbunden: Seit vier Jahren spendet er für jeden gewonnenen Punkt fünf Dollar für den Schutz und die Bildung von Kindern in dem afrikanischen Land.
